Neu: FF Trixie OT, von Erik van Blokland

Ich hatte es in diesem Fontblog-Beitrag schon mal angedeutet: Erik van Blokland hat seiner legendären Schreibmaschinen-Type FF Trixie mittels OpenType neues Leben eingehaucht. Die Original-Trixie erschien 1991 im PostScript-Type-1-Format  und sogar – für Mac-User – mit Ton. Um damals sicher mit den zerklüfteten Buchstaben drucken zu können, war die Zahl der Stützpunkte begrenzt. Dabei enthielt Trixie Text gegenüber der Plain-Version noch mal weniger Stützpunkte, so dass auch eine vollgeschriebene DIN-A4-Seite, gesetzt aus Trixie Text, in akzeptabler Zeit aus dem Laserdrucker kam. Ihr kantiger Charme war ein technischer Kompromiss, verhinderte aber nicht den Erfolg der Schriftfamilie.

Heute gibt es diese technische Einschränkung nicht mehr, so dass Erik van Blokland seine Trixie jüngst komplett überarbeitete und mit intelligenter OpenType-Technik verknüpfte. Die neue Familie gliedert sich in drei Pakete: FF Trixie OT/Pro basiert auf den alten Konturen, ist die Brücke zur Vergangenheit und der Garant für Kontinuität und Kompatibilität (zum Beispiel beim Aktualisieren alter Dokumente bzw. Templates). FF Trixie Rough basiert ebenfalls auf den altbekannten Formen, weist jedoch ein Vielfaches an Details auf, so dass sie auch auf Plakaten und in Headlines authentisch »wie Schreibmaschine« wirkt.

Ein optischer und technischer Leckerbissen ist FF Trixie HD (eingesetzt im rechts abgebildeten Musterblatt; auf Klick auch als PDF downloadbar), die komplett neu gezeichnet ist. Auffälligstes visuelles Erkennungszeichen ist die Farbbandstruktur der Buchstaben. Das ist nicht wirklich neu … doch bei Trixie gibt es für jedes Zeichen 7 alternative Glyphen, so dass Headlines und -Texte heute noch lebendiger aussehen können als vor 17 Jahren. In Adobe InDesign werden die Alternativen automatisch über die OT-Funktion »kontextbedingte Variante« durchgespielt. Weitere zuschaltbare Effekte sind Grundlinienversatz, historische Formen sowie »Zensur«- und »Schmier«-Schnitte.

Trixie OT Übersicht

Die HD-Pro-Version bietet neben den reinen kyrillischen und griechischen Glyphen noch die Spaßvarianten Fake-Kyrillisch und Fake-Griechisch, in denen die fremdsprachigen Formen »lateinisch lesbar« eingebaut sind.

Weitere Informationen bietet das 6-seitige Trixie-OT-Musterheft (PDF, 6 S, 1 MB).

Berechtigte Abschlussfrage, angesichts der Aufmacherabbildung: Enthält FF Trixie OT ein versales Eszett? Im Prinzip ja, allerdings kam mir die Idee etwas zu spät. Die Fontdaten der doch etwas komplizierteren Schrift (ein HD-Schnitt enthält über 4.000 Zeichen und wiegt 12 – 15 MB) waren bereits seit einigen Wochen bei FSI geschnürt. Also habe ich mir mit Erik van Blokland einen Work-around ausgedacht. Die 18 Versaleszetts liefert FontShop Deutschland in einem kostenlosen Extrafont (.otf-Download). Der Font wird wie eine Symbolschrift eingesetzt, das heißt: Das Versaleszett liegt auf »fremden« Tasten, nur nicht auf der
ß-Taste. Mit den folgenden – nebeneinander liegenden – Tasten werden die Versaleszetts abgerufen:
1 und 2 = Versaleszetts zu Trixie OT/Pro Light und Heavy
3 und 4 =  Versaleszetts zu Trixie Rough OT/Pro Light und Heavy
q, w, e, r, t, z, u = 7 Versaleszetts zu Trixie HD/Pro OT Light
a, s, d, f, g, h, j = 7 Versaleszetts zu Trixie HD/Pro OT Heavy


43 Kommentare

  1. Pascal

    Superschöne Evolution der Trixie! Einwandfrei…selbst das Versal-ß gefällt mir hier ganz gut und wirkt erstmals nicht wie ein Fremdkörper. Großes Lob!

  2. robertmichael

    mir gefällt das versal-ß nicht soooo besonders. ich bekomms sicher nicht besser hin, aber die jetzige form sieht sehr nach normalen ß aus :-/

  3. Florian

    @Pascal: Das geht mir ähnlich. Meine Vermutung: das liegt weniger an der speziellen Form, als an der Schriftgattung. Bei einer Typewriter-Schrift ist man vielleicht toleranter mit Ungewohntem bzw. nicht hundertprozentig Passendem. Wenn ein i ebenso breit daher kommt wie ein W, dann irritiert selbst ein Versal-Eszett nicht weiter. Auf der Schreibmaschine musste ein großes ›Oh‹ schließlich auch für eine Null herhalten. Deswegen funktioniert hier auch so etwas unorthodoxes wie Faux-Kyrillisch und -Griechisch ganz wunderbar.

    Gerne führen die Befürworter des neuen Zeichens das Argument des versal gesetzten Namens in Personalausweisen ins Feld. Deshalb täten sie gut daran, bei den Beispielglyphen dann auch entsprechende Schrifttypen wie OCR-B etc. zu bemühen – anstelle von literarischen Antiquas. Diese sind nämlich in einem viel konservativeren und mit reichlich Tradition aufgeladenen Umfeld verwurzelt.

  4. Sebastian Nagel

    Wäre das das erste Herzeigen der neuen Trixie, wäre das ein Kardinalfehler: stelle eine neue Schrift mit einem Versal-ß vor, und garantiert wird hauptsächlich über dieses statt über die Schrift geredet.

    Die Pünktchen-Variante beruhigt mich: man hat inzwischen viel Spielraum nach oben was Knotenzahl und Komplexität anbelangt… selbst mittelmäßige Rechner wie meiner haben damit leistungstechnisch noch lange kein Problem.

  5. robertmichael

    florian, ich empfinde genau das gegenteil. gerade bei einer schreibmachinenschrift denkt man zuerst an ein normales ß im versalsatz. schreibmaschinen mit versal-ß gibts nicht, man hat es zu oft falsch gesehen und verbindet nun immer den kleinbuchstaben damit.

  6. Marion

    Ein treffliches Textbeispiel haben Sie da ausgewählt!

  7. Jonas

    Danke für den informativen Post.

    Die Entwicklung der Schrift gefällt mir sehr.

    Pascal ich bin deiner Meinung, das “ß” ist sehr gut gelungen.

    Viele Grüße,
    Jonas

  8. Simon Wehr

    Jürgen, ich höre geradezu das Klack Klack Klack Klack Klack Klack Klack Tick Klack Klack Klack Klack Klack Klack Klack *Ping* rrrrrrrrrtsch Klack Klack Klack Klack …
    Ich habe mal einen Praktikumsbericht auf Schreibmaschine geschrieben, das war wirklich ein Spaß. Für mehr als 20 Seiten nehme ich dann aber gerne die Trixie!

  9. Jürgen

    Ich kann gar nicht mehr aufhören mit dem Klackern. Also habe ich mal meine Kaufempfehlung abgesetzt. Hier geht’s zum Shop …

  10. HD Schellnack

    Ich rate ja immer noch zum Kauf einer alten Schreibmaschine und selbstmachen. Die Trixie ist eine Legende und hat fast im Alleingang einen bedauernswerten Trend im Typedesign zu Instant Fonts und zig Shareware-Schreibmaschinen-Clones hervorgebracht. Ein, wenn man das entsprechende Design sieht, etwas trauriges Erbe – vom Otto-Katalog bis zum Pseudo-Grunge hat Trixie viele falsche Freunde gewonnen. Wie so viele Handschrift-Fonts versucht, sie Authentizität aufwendig zu simulieren, die man einfacher real haben kann. Die Trixie ist also eigentlich ein Font für Faulpelze :-D.

    Ich bin mir, bei aller handwerklichen Meisterleistung von Letteror hier, nicht so sicher, ob eine semiauthentische Schreibmaschine so viele Gimmicks braucht – sie sollte die Limitations des Originalmediums wiederspiegeln – und da gibt es schon nicht mal richtige Anführungszeichen, geschweige denn Ligaturen oder Sonderzeichen galore.

    Abgesehen von solcher Pauschalkritik ist das natürlich die Sorte Overkill-Meisterleistung, die man von Erik van Blokland irgendwie schon fast erwarten darf. Großes Kino.

  11. Simon Wehr

    HD, auf einem ehrenwerten Standpunkt hast Du natürlich recht. Und mein oben erwähnter Bericht wäre als Computerausdruck mit der Trixie peinlich gewesen, im Gegensatz zum wirklich von Hand getippten und mit Kohledurchschlag vervielfachten Bericht.

    Warum soll eine Trixie allerdings eine Faulpelzschrift sein, wenn es Garamond, Bodoni, Bembo nicht sind? Letztere wurde ursprünglich auch mit Tinte und Feder geschrieben! Es ist wie immer eine Frage der Gewöhnung, denke ich.

  12. HD Schellnack

    Ja, aber im Gegensatz zur handschriftlichen Antiqua, die vom handwerklichen Geschick abhängt (man ist halt Benguiat oder nicht ;-)), ist die Schreibmaschine eine Technologie, die hier nur durch eine andere emuliert wird. Und ja, ich weiß, das digitale Fonts auch nur Bleisatz/Photosatz emulieren und nein, wir sollen und nicht alte Heidelberg-Maschinen ins Studio stellen .. ;-) (obwohl, hmmm…). Aber es ist schon so, dass man den richtigen Flavour des Handgemachten, den dieses Grunge-Font-Ding ja bringen soll, doch einfach besser… mit einer 20-Euro-Schreibmaschine vom Flohmarkt hinkriegt.

    Glasklar, die digitalen Schriften emulieren immer nur eine andere Technologie, aber in diesem Fall finde ich, hat die echte Lösung unendlich mehr Charme, so perfekt die Trixie an sich auch sein mag.

    Und um lange Texte zu setzen, wird die doch nicht ernsthaft jemand erwägen… oder?

  13. Michael M.-H.

    Oh, an das Original mit Geräuschen kann ich mich auch noch erinnern. Aber auch daran, dass ich die Soundeffekte recht bald wieder abgestellt habe… Da war ich von Erik van Bloklands »Kosmik« sehr viel länger begeistert.

  14. Jürgen

    @ HD: Für manche Anwender ist die Flohmarkt-Schreibmaschine genauso weit entfernt wie ein Heidelberg-Tiegel. Außerdem will Trixie ja mehr, also nur ein altes Gerät simulieren …

    Trixie ist ein ironische Typo, wie die meisten Letterror-Schriften. Dass ich sie in meinem Gebrüder-Grimm-Muster quasi-authentisch versucht habe einzusetzen, war für mich ein Test. Selbstverständlich wird die Schrift erst dann für die moderne Gestaltung interessant, wenn man sie »vergewaltigt«, so wie es mit OCR oder DIN passiert ist.

  15. fjord

    Ich finde, robertmichael hat Recht: Das vermalledeite Versal-ß sieht einfach falsch aus. Und das liegt am Entwurf: zu wenig Eigenständigkeit, zu wenig Versalcharakter. Zurück auf den Zeichentisch das Ding, bitte!

    Und zur Trixie: Nach der Überdosis in den 90ern eigentlich heute überflüssig. Mal abgesehen von HDs Kommentar, dem ich zustimme: Wenn Schreibmaschine, dann auch wirklich Schreibmaschine. Ironie hin oder her.

  16. Christoph

    An eine richtige Schreibmaschine kommt eine Imitation natürlich nie ran. Aber vielleicht bedenkt Ihr auch folgenden Aspekt:
    Trixie “spricht”, mal von allem Schnick-Schnack abgesehen, mehr als hundert Sprachen, in drei Skriptsystemen, mit lokalen Varianten. Das ist etwas, das keine Schreibmaschine ohne weiteres kann.

  17. fjord

    @ Christoph

    Unbenommen! Ein fantastisches Paketchen ist das. Das ändert allerdings nichts am Einwand von HD.
    Ich nehme ja auch nicht die Arial, wenn ich die Helvetica meine. Ganz gleich, wie weit verbreitet, wie gut bildschirmoptimiert etc. die Arial auch sein mag. Wenn ich Helvetica meine, nehme ich Helvetica. Punkt.

  18. Jussi Steudle

    Aber nehmen wir mal den Fall Buchinnengestaltung – einzelne Passagen des Textes sollen die Anmutung von Schreibmaschine haben. Hier einzeln alles mit einer Flohmarkt-Maschine einzutippen und zu scannen … hmm.
    Und wenn das Buch ins Tschechische übersetzt wird brauchen wir eine osteuropäische Schreibmaschine.

  19. fjord

    Ich empfinde das ja immer als Armutszeugnis, wenn ich in Romanen auf Schreibmaschinenpassagen stoße. Ausdrucksmittel hin oder her: Hier wird mit typografischen Mitteln das Unvermögen des Autors übertüncht, der sein Werkzeug, die Sprache, nicht ausreichend beherrscht, um zu vermitteln, was er sagen will. Also wird das mittels Typografie ausgeglichen. Und der Schreibmaschinenenfont täuscht dann Aktualität oder was auch immer vor. Schade.
    Ist die Wir-tun-so-als-ob-Kultur letztendlich einfach nur ein kläglicher Mangel an handwerklicher Sorgfalt auf allen Seiten? Meinen wir, was wir vorgeben zu meinen? Wollen wir, was wir vorgeben zu wollen? Sind wir, wonach wir aussehen?

  20. Jens Kutílek

    Ja, man hat schon ganz vergessen, wie sehr wir uns heutzutage an den Komfort von Copy&Paste und Löschtaste gewöhnt haben! Selbst wenn man mehr als das Zweifingersystem beherrscht, auf einer mechanischen Schreibmaschine tippt sich’s viel langsamer und anstrengender. Und bei jedem Fehler muß man Tipp-Ex bemühen oder nochmal anfangen …

    Eine Schreibmaschine integriert sich einfach nicht in den modernen Workflow, dafür gibt es dann die Trixie :)

  21. Jürgen

    @ fjord (20): Wer sprach denn von Romanen …? Vergiss bitte Sachbücher nicht, und Schulbücher, Illustrierte, Magazine, Packaging, Plakatgestaltung, …

  22. fjord

    @ Jürgen

    Stimmt. Da war ich mal wieder zu schnell. Sorry.

    Worum es mir geht, ist die Frage: Meint er es ernst oder „will er nur spielen“? Klar, kann man mit der Trixie tolle Sachen machen. Man kann auch einen Kühlschrank kaufen, der aussieht wie aus den 50er Jahren. Der aber drinnen voller Hightech steckt. Ich denke nur, man sollte sich ab und zu einmal vergewissern, wo man sich selbst inmitten der Zitate und Anmutungen (#20 Jens Kutílek) rundherum verortet. Ein Zitat ist eben nicht das Original und eine Anmutung nur ein Heranfühlen. Das Echte bleibt dabei auf der Strecke. Und das sollte uns allen bewusst sein. Ein gesampelter Konzertflügel mag zwar irgendwie klingen wie ein Flügel (oder an den Klang eines Flügels erinnern). Es ist aber lediglich ein digitalisierter und bearbeiteter Ton, der sich vom eigentlichen Objekt und der eigentlichen Geste oder Situation abgelöst hat. … (Da hätte ich jetzt gerne ein wenig Zeit, darüber nachzudenken, bevor ich weiterschreibe. …)

  23. Jens Kutílek

    @fjord:
    Typografie, die: Mittel zum Kaschieren sprachlichen Unvermögens eines Autors.

    Klasse Definition, würde ich an deiner Stelle mal bei diversen Lexikonverlagen einreichen.

  24. fjord

    @ Jens

    Und wenn man weder schreiben kann, noch etwas zu sagen hat, dann bleibt nur noch die Typografie als Skelett übrig.

  25. Christian

    Der falsche Einsatz einer Schrift macht die Schrift doch nicht schlecht. Was soll das? Die Trixie bietet sich hier als echter Alleskönner an.
    Die Typenausstattung einer alten Olympia war das notwendigste an Glyphen der damaligen Zeit. Die Trixie bringt diesen Farbband-Geschmack rüber, aber mit der Ausstattung für professionellen Schriftsatz. Ich kann da keine Verhedderung in Zitaten erkennen.

  26. fjord

    @ Christian

    Was bleibt vom Farbbandgeschmack, wenn sich niemand mehr daran erinnert, wie der geschmeckt hat? Frag mal heute einen Vierzehnjährigen, was ein Farbband war. Ob er mal eines zwischen den eingefärbten Fingern gehabt hat. Ob er mal beim Tippen auf einer Maschine mit dem Zeigefinger zwischen den Tasten hängengeblieben ist. Wie sich ein Hügelchen Tippex auf dem Papier anfühlt. Alles das schwingt im Trixie-Aroma mit. Ironisch gebrochen vielleicht. Aber trotzdem. Was nun, wenn der Vierzehnjährige gar nicht mehr nachvollziehen kann, wofür die Trixie steht? Was sie ist? Was bleibt dann noch übrig?

    Dass die Trixie eine klasse Arbeit ist, das habe ich (zumindest) nie bezweifelt.

  27. erik spiekermann

    Was nun, wenn der Vierzehnjährige gar nicht mehr nachvollziehen kann, wofür die Trixie steht?

    Dann bleibt immer noch eine ganze schriftgattung, deren ursprüngliches werkzeug nicht mehr benutzt wird. Sonst gäbe es keine schreibschriften, keine bleisatz-revivals, keine DIN, keine schablonenschriften…

    Und es gäbe auch keine elektrischen gitarren, synthesizer, drum-machines, autos.

    Noch hat jede technik spuren hinterlassen, auch wenn die werkzeuge verschwunden sind. Bodoni war kupferstich, Mistral pinselstrich (im bleisatz!); DIN konstruierte geraden und kurven. Interessiert niemanden mehr, es ist wie es ist.

  28. Ivo

    Man kann auch einen Kühlschrank kaufen, der aussieht wie aus den 50er Jahren. Der aber drinnen voller Hightech steckt. Ich denke nur, man sollte sich ab und zu einmal vergewissern, wo man sich selbst inmitten der Zitate und Anmutungen (#20 Jens Kutílek) rundherum verortet. Ein Zitat ist eben nicht das Original und eine Anmutung nur ein Heranfühlen. Das Echte bleibt dabei auf der Strecke.

    Manches kann von mir aus auf der Strecke bleiben. Ich mag das Design eines 50er-Jahre Kühlschranks, aber den Stromverbrauch und das FCKW …

    Und so viel Charme eine Schreibmaschine auch hat, aber wirklich damit meine Diplomarbeit schreiben? Nein, das kann wirklich keiner ernsthaft wollen.

  29. fjord

    @ Erik

    Welchen Sinn macht es, heute eine digitale Satzschrift monospaced zu entwerfen? Das Charakteristikum ist doch allein dem aus der Mode gekommenen technischen Werkzeug geschuldet. Es sieht weder „gut“ aus, noch ist es gut lesbar, noch geht es mit dem Platz vernünftig um. Und trotzdem wird es zitiert. Warum?

  30. Jürgen

    Was bleibt vom Farbbandgeschmack, wenn sich niemand mehr daran erinnert, wie der geschmeckt hat? Frag mal heute einen Vierzehnjährigen, was ein Farbband war. Ob er mal eines zwischen den eingefärbten Fingern gehabt hat.

    Ich hoffe, fjord, Du bist noch nicht so alt wie Du argumentierst. Solche Töne haben mir die alten Bleisetzer immer um die Ohren gehauen, als ich 1986 mit meiner ersten PAGE über eine Druckmesse gelaufen bin. Das Blei war damals schon tot, die Bleisetzer sind heute tot … zuvor sind sie verbittert aus ihrem Beruf ausgeschieden und haben bis zu ihrem Lebensende über die »moderne Technik» und den Verlust der Sinnlichkeit lamentiert. Dieses Schicksal solltest Du dir ersparen.

    Ich erlebe hier gerade ein Deja-vu, das ich nicht erwartet hätte.

    Trixie kommt zum 2. Mal auf die Welt, und ich war schon beim ersten Mal dabei: Da hat man sie freundlich in die Arme genommen, manchmal etwas abfällig geschmunzelt, über die mitgelieferten Töne wurde gejuxt. Warum gibt es 17 Jahre später diese verkrampfte Debatte? Trixie ist ein Joke … die will doch keine Garamond sein.

  31. fjord

    @ Jürgen

    Sorry, Jürgen. Aber ich glaube, wir reden aneinander vorbei.

    Die Trixie ist putzig. Aber nicht denkbar ohne die Schreibmaschine. Die gibts nicht mehr. Aber ohne das gemeinsame kulturelle Gedächtnisarchiv, Abteilung Bürokommunikation, 20. Jahrhundert, ohne das lässt sich die Trixie als Schrift-Bild nicht entziffern. Man kann keine „Schreibmaschinenanmutung“ herstellen, ohne zu wissen, was das ist, eine Schreibmaschine. Das ist keine Setzerromanitk, sondern der Link im Kopf des Betrachters, den ich als Gestalter aktivieren will, wenn ich die Trixie einsetze. Genau dieses Ambiente: Büro, muffig, spießig, Durchschläge, Aktendeckel, Stempelkissen. Und das in der Trixie außerordentlich gut ironisch gebrochen.
    Die Trixie ist keine, steht aber für eine (ironisierte) Schreibmaschine. Das hat mit ihrer Qualität als Schrift überhaupt nichts zu tun. Aber genau dieses Detail „sieht aus wie, ist aber“, das halte ich für wichtig. Besonders für Gestalter, die sich immer zugute halten, sie würden über so eine geschärfte Wahrnehmung verfügen.

    ps. @ Erik: Die E-Gitarre ist nach wie vor eine Gitarre. Allein verstärkt nicht mehr der hohle Korpus den Ton, sondern der Pickup nimmt die Schwingung der Saiten ab. Das gleiche gilt für E-Drums.

  32. Jürgen

    Das mit der Gitarre … das hättest Du 1965 auf dem Newport Folk Festival garantiert nicht so formuliert:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Electric_Dylan_controversy

  33. fjord

    Jürgen, ein schöner Verweis, stimmt. ;)

  34. Christian

    @ fjord: Selbst wenn es nie Schreibmaschinen gegeben hätte, wirkt die Trixie wie ins Papier geklopft und etwas ungelenk gesetzt, also mit beschränkten Mitteln erzeugt. Und dieser Geschmack ist drinne. Putzt du deine Zähne auch mit Talkumpuder, um die Geschichte der Zahnpasta nicht zu vergessen? :-)

  35. fjord

    Ach, Christian, … :)
    Dylan find ich übrigens doof, Jürgen. (Neues Thema, na? ;)

  36. Jens Kutílek

    Lieber fjord,

    aus Deiner Frage »Welchen Sinn macht es, heute eine digitale Satzschrift monospaced zu entwerfen?« lese ich die Aussage, daß Du diesen Sinn anscheinend verneinst. Das steht Dir natürlich frei. (Unter »entwerfen« verstehe ich allerdings etwas Neues zu schaffen, nicht die Umsetzung, meinetwegen auch »Imitation« von etwas Vorhandenem, somit bewegen wir uns nun von der Trixie weg.)

    Den Schluß von »mir fällt kein Grund für dicktengleiche Schriften ein« zu »es darf/braucht keine dicktengleiche Schrift mehr zu geben«, finde ich aber gelinde gesagt etwas kurzsichtig, denn als Typedesigner könnte man so nicht argumentieren, sondern man muß versuchen, über den eigenen Tellerrand zu blicken, wenn man eine Schrift entwerfen will, die in möglichst verschiedenen Szenarien funktioniert. Natürlich gibt es auch Schriften, die nur für einen speziellen Zweck gemacht werden, dort kann man auch mit Fug und Recht sagen »Monospaced kommt nicht in Frage«.

    Es ist aber doch kein Zufall, daß in vielen großen, auf Vielseitigkeit ausgelegten Schriftsystemen eine Monospaced-Variante enthalten ist (z. B. Thesis, Univers, Nexus, Fago …).

    Um Deine Fantasie anzuregen, hier ein paar Ideen:

    • Du willst Rechnungen schreiben, aber Dein Fakturierungsprogramm kann keine Tabulatoren
    • Du willst eine persönlich wirkende Massendrucksache schreiben
    • Du brauchst eine Schrift für Deinen Texteditor zum Programmieren
    • Du willst ein Buch setzen, in dem Programmcode dargestellt werden muß
    • es gibt sicher noch viel mehr Gründe, die mir gleich einfallen werden, nachdem ich auf »Abschicken« gedrückt habe ;)

    Ich finde es übrigens interessant, daß man bei »Monospaced« immer gleich an »Schreibmaschine« denkt, denn technisch waren Schreibmaschinen schon ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in der Lage, Proportionalschriften zu schreiben. Neben technischen Anforderungen wie den genannten scheint es also auch einen ästhetischen Bedarf an dicktengleichen Schriften zu geben.

    Noch was zu dem Vergleich mit dem gesampelten Flügel: Natürlich würde ich meine selbst aufgenommenen Songs gerne auf einem Flügel begleiten, aber den Flügel in den 4. Stock zu schleppen, und das Ausleihen und den Aufbau der Mikrofonierung finde ich immer so aufwendig und teuer ;)

    Für eine echte Schreibmaschine und einen echten Flügel wird es immer Nischen geben. Seien es Liebhaber der Technik, oder der Anspruch nach Authentizität, oder sonst etwas; aber die Welt heute ist schnell und bequem, deshalb greift das Tonstudio für die Filmmusik zum Sample-Orchester und der Designer für eine Drucksache zur Trixie.

    So, amen und Mittagspause beendet :)

  37. HD Schellnack

    Eriks Vergleich stimmt natürlich – die Trixie ist eine Emulation. Sie ist halt nur overused, und sie geht in ihrem Leistungsumfang im grunde weit über die Emulation hinaus – wie ja viele TB303-Emulatoren auch. Rebirth kann ja auch mehr als die alten Roland-Geräte. Es sollte beileibe keine Kritik an Eriks Arbeit sein (hey, hallo – ich liebe Letteror), aber im Grunde sind die Letteror-Fonts Metaschriften – Experimente, Statements, Ironie. Wenn dann die Beowulf oder die Trixie im Otto-Katalog auftauchen, ist das schon etwas derbe. Im Laufe der Jahre, wenn dir ganze Kohorten von Studenten pseudogrungewischiwaschi mit Trixie&Co zeigen (immer noch, heutezutage), macht dir das die Schrift als ganzes madig.

    für Programmcode und Rechnungen ist die Trixie eben NICHTS. Ich finde es gruselig, damit Authentizität faken zu wollen – das ist gruselig. So, als würde man seine Unterschrift mit der Zapfino setzen :-D

  38. erik spiekermann

    Ich finde es gruselig, damit Authentizität faken zu wollen

    Will ja auch keiner. Wollen wir denn mit den schreibschriften so tun als wären sie mit der feder geschrieben oder mit dem griffel gestochen? Oder dürfen wir Bodoni nur einsetzen, wenn es um literatur des frühen 19 jhrhdts geht? Wen interessiert es, dass fast auf allen kekspackungen pinselschriften für einen frischen, gesunden eindruck sorgen sollen?

    Noch einmal:
    Die werkzeuge haben die entwicklung der druckschriften mehr beeinflusst als irgendwelche genialischen gestalter. Dafür sorgte schon alleine, dass schriftentwerfer entweder auch schriftgießer waren, die ihre schriften verkaufen mussten (wie heute die digitalen „foundries�?) oder zumindest bei solchen angestellt waren, siehe Fuller Benton, Morison, Günter Gerhard Lange, et al. Was immer graviert, gefräst, geprägt, gegossen, kopiert, belichtet, geschrieben, geritzt, gepinselt, gezeichnet, gepixelt, gesprüht und sonstwie auf ein trägermaterial gebracht werden konnte, machte sich bald auch als neue schriftmode bemerkbar. Und das ist bis heute so geblieben. Wenn wir alle schriften ablehnten, die sich auf eine nicht mehr existierende oder nicht mehr angewandte technik bezieht, hätten wir wenig auswahl. Aus jeder technischen entwicklung ist dann ein eigenständiger schriftstil geworden, sobald die technik selber ausgestorben war.

    Aber bei uns gehts immer ums prinzip. Wenn man alle schriftanwendungen mit so wenig humor betrachtet, dann kann man keine zeitschrift mehr aufschlagen, nicht mehr fernsehen, keine bücher lesen und in keinen laden mehr gehen. Solchen kollegen rate ich, alles aus Rotis zu setzen. Da ist die politisch korrekte theorie gleich mit geliefert, auch wenn die schrift selber nichts taugt.

    Trixie ist einfach eine tolle schrift: vor allem selbstironisch. Allein die pseudo-kyrillische version ist die mühe wert. Die durchgestrichene version allemal.

  39. erik spiekermann

    Wieso:
    war seine rede so schlecht?
    (ich bin seit 2 tagen in Amsterdam, da hat er nicht geredet)

  40. Simon Wehr

    Ich habe mal mit meiner Freundin im Studiumfür Buchüberschriften die Eureka (sponsored by fontshop) aus Moosgummi geschnitten und gestempelt. Hat riesigen Spaß gemacht und nur etwa fünf Tage gedauert, inklusive Scannen.
    So und jetzt zeig mir einer den Kunden, der das bezahlt. Auf dem Buchmarkt meine ich!

    Studenten (und Profis auch) sollen ruhig mal die Schreibmaschine oder die Setz-Werkstatt bemühen, zerrupfte Letraset-Buchstaben scannen etc. Das macht großen Spaß, auch mir. Aber es lässt sich (in der Regel) nunmal nicht abrechnen. Wie weiter oben schon geschrieben, gibt es manchmal rein pragmatische oder finanzielle Gründe, auf digitale (“Retorten”)-Lösungen zurückzugreifen.
    Und im Falle Trixie entsteht doch eine ganz neue Art von Schreibmaschine, die es in echt nie hätte geben können.

  41. Christian

    Aber nur der Richtigkeit halber: Die Schrift mit den meisten Anfasserpunkten der Welt ist der Lahme Hund von Stefan Wolf. :-)

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