WELT-Redesign: größere Schrift, weniger Bilder

Die WELT von heute: Neue Schrift für alles – Meldungen, Kommentare, Headlines und Titelkopf

Seit gestern und heute erscheinen die drei Versionen der WELT (WELT am Sonntag, DIE WELT und WELT KOMPAKT, Axel-Springer-Verlag) in neuer Gestaltung. Die Redaktion übt sich in Bescheidenheit und verliert kaum Worte über die Renovierung, die kaum einen Bereich auslässt. Im Editorial der WELT heißt es heute: »Manche Veränderungen sind offensichtlich. Unser Logo ist kräftiger, die Textspalten sind breiter, die Schrift ist neu. Sie heißt ›Freight‹ und ist größer und besser lesbar, das haben sich viele von Ihnen gewünscht. Die gesamte Anmutung der Zeitung ist eleganter und klassischer, weil Typografie eine größere Rolle spielt und wir die Zahl der Bilder reduzieren. In einer Welt, die immer bunter wird, wollen wir ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen.« Selbstverständlich gibt es auch inhaltliche Veränderungen – vorgezogene Meinungsdoppelseite, das neue Ressort »Fortschritt & Wissen«, mehr Hintergrundberichte – die hier im Fontblog (naturgemäß) eine untergeordnete Rolle spielen. Die letzte umfassende Neugestaltung der WELT liegt übrigens 12 Jahre zurück, als die Zeitung antrat, sich zum innovativen Qualitätsblatt zu etablieren, was später durch internationale Designpreise bestätigt wurde (Fontblog berichtete, u. a. Wir gratulieren der »Welt am Sonntag« und Die bestgestalteten Zeitungen der Welt.

Die WELT KOMPAKT vom Freitag (links) und von heute: Neue Schrift für Meldungen, Kommentare, Headlines und Titelkopf (Klicken zum Vergrößern)

Bei der WELT KOMPAKT ist das Facelifting radikaler ausgefallen als bei der große Schwester. Die 32seitige Zeitung im halbnordischen Format erscheint von Montag bis Freitag in über 40 Großstädten, seit Januar 2010 ist sie in München, Stuttgart, Köln, Bonn und Leverkusen auch im Abonnement zu beziehen – online natürlich als ePaper. Die Sektionen Politik, Kultur, Sport, Wirtschaft, Forum, Lifestyle und Internet trennen sich nach dem Redesign erstmals durch farbige Kolumnentitel. Die Foto-Doppelseite in der Zeitungsmitte heißt jetzt »Bilder«. Das TV-Programm ist eine typografische Meisterleistung und beweist, dass die Entscheidung der WELT-Gruppe für die riesige Schriftfamilie Freight (Design: Joshua Darden) ein Glücksgriff war, denn sie bietet eigens Schriftschnitte für mikrotypografische Herausforderungen (Freight Micro auf www.fontshop.de; detailliertes Freight Micro-Schriftmuster auf garagefonts.com).

Das TV-Programm der WELT KOMPAKT vom Freitag (links) und von heute: Klicken zum Vergrößern

Die WELT KOMPAKT verliert heute kein Wort über ihren neuen Auftritt. Sie braucht es auch nicht, denn das Blatt befindet sich seit seiner Gründung 2004 in einem stetigen Evolutionsprozess. Seine Leserschaft sind überwiegend Digital Natives, was nicht nur das zweiseitige Ressort Internet beweist, sondern die QR-Codes in der gesamten Zeitung mit Links zu Webseiten oder YouTube-Videos und die Twitter-Adressen aller verantwortlichen Redakteure unter fast jedem Beitrag. Bei einer Zeitung, die sich gleichzeitig als Ergänzung und »Freund« des Internets versteht, gehört die inhaltliche wie auch die visuelle Auffrischung praktisch zum Konzept.

Die neue Typografie (rechts) der WELT KOMPAKT: größere Schrift, zweizeilige Überschriften, Farbe, weniger Bold

Bemerkenswert bei der Kommunikation der Redesigns ist die Hervorhebung der neuen Schrift, die übrigens nicht nur im Lesetext sondern auch im Kopf der Zeitungen eingesetzt wird, also praktisch als Markenschrift. Früher wurden bei solchen Projekten zunächst der – meist internationale – Designer und seine Kompetenz in den Himmel gelobt. Dann ging es um Spaltenzahl und -breite, um Farbigkeit, die Größe der Fotos und ganz am Ende, wenn überhaupt, ein Satz zur verwendeten Schrift. Dass die Rolle der Schrift hier derart in den Vordergrund rückt, gefällt uns Typografen: Schrift ist zwar nicht alles, aber ohne die richtige Schrift ist alles nichts. Fontblog ist zu Ohren gekommen, dass wahrscheinlich auch der Internet-Auftritt (WELT online) mit Webfonts typografisch aufgemöbelt wird. Dann wäre die WELT die erste Tageszeitung, die sowohl online als auch gedruckt typografisch hochwertig und unverwechselbar erscheint.


15 Kommentare

  1. MarkS

    Ich schaue hier gerne regelmäßig vorbei, obwohl ich kein Designer sondern Journalist bin. Und als solcher habe ich immer ziemliche Bauchschmerzen, wenn mal wieder irgendeine Zeitung die Typografie vergrößert. Für mich heißt das nämlich immer: Weniger Zeilen = weniger Honorar.

    Aber auch als Leser sehe ich den Trend zu luftig lockerer Gestaltung mit Misstrauen. Ich kaufe regelmäßig Zeitschriften und immer wieder mal auch eine Tageszeitung – und zwar wegen ihrer Inhalte. Die müssen dann aber auch bitteschön in die Tiefe gehen und mehr bieten als das Internet. Gerade WELT KOMPAKT, die man in Berlin eine Zeit lang gratis hinterher geworfen bekam, kommt so radikal kurz und knapp daher, dass ich mich frage, welcher Leser darin eigentlich noch einen Mehrwert finden kann…

    Okay, Zeitungsinhalte spielen hier im Fontblog naturgemäß eine untergeordnete Rolle. Aber ohne Inhalte ist eben auch die schönste Verpackung nichts wert.

  2. jan

    Kann mich MarkS nur anschließen, aber hier geht es im wesentlichen um die Neugestaltung und ob diese gut oder schlecht ist. Ich muss sagen das diese mir durchaus besser gefällt als die alte. Schön sieht man das im TV-Programm hier ist es wesentlich aufgräumter und strukturierter. Die große Typo finde ich gelungener und durch die kompakte Anordnung wesentlich lesbarer. So sind z. B. Akzentlinien hier wesentlich filigraner und lassen dem Text mehr Raum. Z. B. der Blauton springt nun vom Gestaltungselement zur Typo und hilft bei der Orientierung. Eine Runde Sache.

  3. Phil

    Das TV-Programm finde ich in der neuen Variante viel besser.

    Im Politikteil fehlt mir allerdings die Serifenlose in den Headlines. Das brachte meines Erachtens mehr Struktur. Mikrotypografisch ist es jetzt in jedem Fall besser. Der minimal größere Durchschuss tut gut.

    Wenn ich nicht so dogmatisch wäre, würde ich mir das Blatt glatt mal besorgen und in Ruhe anschauen.

  4. Johannes

    ((Fortsetzung von Vorfreude auf das Redesign …))
    Schon wieder: Weniger Bilder! Bravo möchte man da rufen und vielen anderen Zeitungen raten, macht das auch!
    Aber, o Schreck, nicht für mehr Text, sondern für größeren Text. Die Probleme für Journalisten hat MarkS schon angedeutet, es hat aber auch für uns Leser gravierenden Nachteile: Weniger Inhalt, weniger Hintergrund, weniger Analyse. Und wir Typographen sehen zudem: zu wenige Wörter pro Zeile, miserabler Blocksatz, zu häufige Zeilensprünge, also weniger Aufmerksamkeit und schlechtere Lesbarkeit. Dabei wären jetzt die Zeitungen mit der Typographie der vorigen Jahrhunderte (sieben oder acht Punkt kompress gesetzt) gut machbar — dank besseren Papiers und besserer Drucktechnik!
    Unabhängig von der Schönheit der Schrift und der politischen Orientierung.

  5. R::bert

    Leider wurde die Typo nicht wirklich konsequent angeglichen. Sehe immer noch ein paar »Ausreiser« die nicht in der Freight gesetzt wurden (z.B. beim TV-Programm). Aber das kann man ja noch umstellen …

    @ Jürgen
    Du verlinkst auch nicht konsequent zur Freight ; )

  6. R::bert

    Quatsch! Hab‘ die Vorher-Nachher-Logik nur nicht verstanden. Alles klar! Kommt inzwischen wirklich elegant daher. Wenn die Inhalte das auch noch täten, könnte man sich glatt für DIE WELT begeistern.

    (Aber bitte trotzdem noch mal Links prüfen ; ) komme einmal bei der Unit Slab raus …)

  7. Jürgen Siebert

    Danke, R::bert … der Link ist repariert.

    Zum Thema größere Schrift, weniger Text. Ich bevorzuge kurze, präzise Texte gegenüber ausufernden Abhandlungen. Die Menschen haben heute weniger Zeit zum Zeitunglesen als vor 20 Jahren. Trotzdem gibt es einen Bedarf für gedruckte Information. Ich mag zum Beispiel die Internet-Seite der WELT KOMPAKT, auch wenn sie nie aktuell sein kann. Sie erspart mir aber das Holen der Informationen aus dem Netz.

    Wer Texte mit dem Taxameter im Kopf schreibt, denkt an sich, aber nicht an die Leser. Ich habe eben fast eine Stunde gebraucht, um in 5 Sätzen zu beschreiben, was OpenType, PortScript, TrueType, EOT, WOFF und SVG ist und wofür man diese Font-Formate benötigt. Der Text ist für ein kompaktes Lehrbüchlein mit sehr begrenztem Platz, das FontShop noch vor Weihnachten herausbringen wird (kostenlos).

  8. johannes

    @ Jürgen:
    „Die Menschen haben heute weniger Zeit zum Zeitunglesen als vor 20 Jahren. Trotzdem gibt es einen Bedarf für gedruckte Information.“ Das ist falsch herum gedacht: Wir haben immer noch jeden Tag 24 Stunden Zeit, um Zeitung zu lesen. Wer weniger lesen will, der kann das seit jeher tun. Aber wenn in den Zeitungen nur noch „Appetizer“ stehen wie „Da war eine spannende Veranstaltung“, dann kann man nicht mehr lesen, vor allem kann man inzwischen nur noch selten mehr als diese leere Information lesen, keine Hintergründe, keine Analyse, keine Zusammenhänge mehr.

  9. Stephan

    Die Zeitung an sich kann meiner Meinung nach nur überleben, wenn sie gut recherchierte Hintergrundinformationen verbreitet. Journalistisch anspruchsvolle Artikel und Reportagen, die man gerne und mit Muße liest. Das zeigt ja auch die stetig sinkende Nachfrage nach Regional- bzw. Tageszeitungen und der stabile Absatz z.B. der ZEIT oder der Sonntagsausgaben großer Blätter. Tageszeitungen sind in manchen Altersgruppen schon heute komplett durch das Internet ersetzt worden. Die schnelle, aktuelle Information holt man sich nicht mehr auf geschriebenem Papier.

    Vor dem Hintergrund finde ich die Diskussion um die Schriftgröße (= weniger Inhalt) sehr interessant und bin auch der Meinung, dass das vom Ansatz her falsch gedacht ist. Die gedruckte Zeitung kann ihr Überleben nur sichern (oder weitmöglichst hinauszögern), wenn sie 1. mehr (inhaltlich Wertvolles) bietet als die schnelle Information, die ich auch im Netz finde; und sie 2. sich nicht nur auf Print konzentriert, sondern zunehmend alle Medienkanäle bespielt und so eine stärkere Kundenbindung generiert.

    Aber das führt zu einem anderen Thema. Generell stellt das neue Layout (unabhängig vom Inhalt) meiner Meinung eine deutliche Verbesserung dar.

  10. Claudia

    Die blauen Headlines bringen eine deutlich verbesserte Wahrnehmung der Strukturierung.
    Negativ finde ich in dem Beispiel der „AUSLAND KOMPAKT“ Spalte, dass nun die Länder durch die blaue Farbe so sehr in den Vordergrund treten, statt den viel wichtigeren Headlines von früher.

    Die Angabe der Seitenzahl ganz oben links finde ich wesentlich besser.

    Ob nun die Schrift etwas größer ausfällt oder nicht sollte keine Auswirkung auf die Qualität der Inhalte haben. Häufig erscheinen mir Artikel auch künstlich in die Länge gezogen. Auch kann man bei Bedarf auf den ein oder anderen „me too“ Artikel verzichten.

    Ich finde die Entscheidung für die neue Schrift gut, da dadurch das Gesamtbild stimmiger wirkt und mehr Lust zum Lesen macht. Aber die Geschmäcker sich ja bekanntlich unterschiedlich.

  11. Caroline Kaiser

    Schon die alte “WELT” war ja vom Design nicht schlecht und wurde mit zahlreichen Preisen ausgzeichnet. Noch wichtiger ist mir allerdings schon der Inhalt der Zeitung.

    Als Linksliberale kann ich mich mit der “WELT” nur schwer anfreunden.
    Zumindest im Teil “Innenpolitik”. Bei der Auslandsberichterstattung, USA und Israel mal ausgenomemn, ist die “WELT” erstaunlich objektiv.

    Die größere Schrift kommt gerade den älteren Lesern entgegen. Das TV Programm war früher in der “WELT” ja nur noch mit einer Lupe zu lesen.

    Große Fotos gehören m.M. nach eher in Boulevardzeitungen. Aber Diagramme und Skizzen wären wichtig, um damit vieles zu veranschaulichen.

    Die neue Typografie wirkt wesentlich klarer.
    In deutschen Zeitungen fehlen mir allerdings die Comics, die leider in den US Zeitungen aber auch immer kleiner werden.
    Mir völlig unverständlich, daß kaum noch eine deutsche Zeitung Comicstrips abdruckt, denn dadurch gewinnt man auch neue (junge) Leser.

  12. TypoLion

    weil das forum typo gerade im umbau war und mir noch fremd ist, werd ich hier meine kritik absondern. die freight? eine schöne schrift? vielleicht, ansichtsache. geeignet für die weltkompakt? nein. die falsche schrift. charakter paßt nicht zur welt kompakt. im logo auch keine verbesserung, eine veränderung die überflüssig ist. als leser vom tag eins an, kenne und liebe ich die kompakt (das einzige springerteil das ich anfasse) und schätze sie als konzeptionell und redaktionell moderne, gut gemachte TZ. die times als bewährte und sehr gut lesbare schrift (für den zeitungsbereich) ab zu lösen war nur notwendig weil die andere welt produkte das schon vorgegeben haben aus klassische cd-zwänge. das layout ist nur geringfügig cd mäßig angepaßt und ist sicher nicht schlechter als das alte. aber notwendig? tja und zum thema lesbarkeit existieren endlose threads im forum typografie, wo alle experten ihr ansichten preisgeben. die jungdemente typo azubis die hier im blog ihre meinung abgeben haben von typografie noch keine ahnung. das wird vielleicht noch. typo kannst du nicht in zwei semester begreifen. das dauert. bis dahin mehr über charakter lernen. schrift-charakter. bis dahin.

  13. Leser254.785

    Ich war auch ein Leser der Kompakt von der ersten Stunde an und schätzte sie wegen ihres jungen Auftritts und ihrer Aktualität. Aber jetzt ist sie nicht mehr lesbar. Zu viele bunte Überschriften, zu viele grelle Farben. Sie wirkt jetzt irgendwie billig, wie diese Gratisblätter aus den Einkaufszentren. Die neue Schrift ist größer, dafür sind die Beiträge jetzt noch kürzer. Welchen Sinn macht es, die Zeitung noch zu kaufen? Wem die alten Beiträge zu lang waren, der hätte sich seine Infos doch aus der Boulevardpresse holen können. Die Kompakt aus der Gründerzeit 2004/2005 war weltklasse! Fast Alle in meinem Freundeskreis waren damals begeistert, jetzt liest sie außer mir keiner mehr. Seit damals gab es mehrere Veränderungen. Für mich war das stets ein Herumdoktern an einem gesunden Patienten. Mit dem neuesten Layout ist sie auch für mich nicht mehr attraktiv. Ich werde mir eine neue Lieblingszeitung suchen. Schade, schade!

  14. M.

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