Die Ecofont-Schnapsidee oder

Erst denken, dann weiter erzählen!

von Jürgen Siebert

Fallt bitte nicht auf diesen Quatsch rein: Eine Schrift mit Löchern drin (www.ecofont.eu) soll den ökologischen Fußabdruck von Gedrucktem verbessern. Aber Ihr seid ja alle Typografieprofis. Und als solche wisst Ihr, dass sich mit einer Light-Schrift mehr Toner sparen als mit einer breit laufenden Käseschrift. Eine kontrastreiche und schmal laufende Sansserif spart sogar Toner und Papier.

Die Ecofont-Idee ist ein mathematischer Bluff, mehr nicht. Mal angenommen, die Punkte würden im Laser- oder Tintenprinter messerscharf ausgespart, was bei Textschriftgrößen nicht der Fall sein wird, dann ist eine Schrift mit Löchern drin eine Zumutung fürs Auge. Eine sorgfältig ausgewählte Schrift in 70 % Schwarz zu setzen und zu drucken dürfte nicht nur eine bessere Ökobilanz erzielen, sie wäre sogar immer noch gut lesbar.

Übrigens kehrt sich der angebliche Nutzen 1:1 in einen Verlust um, wenn man die Schrift negativ setzt. Und um noch mal die Mathematik zu bemühen: jedes Löchlein besteht aus mindestens 4 zusätzlichen Buchstaben … eine zweistelligen Anzahl von Bohrungen im durchschnittlichen Buchstaben erhöht dessen Vektorbeschreibung um das Mehrfache an Stützpunkten, was nichts anders als mehr Rechenpower=Energie bedeutet.

Ich hoffe nur, dass nicht irgendein Bürokrat in Brüssel diesem Blödsinn glaubt.

PS: Die Abbildung ist übrigens der Ecofont-Seite entnommen und entlarvt die Idee in zweifacher Weise: Negativ gesetze Käseschrift verbraucht mehr Toner (links) und ein leichterer Schnitt (rechts) erzielt mehr Effekt als Löcher in einer Bold.


20 Kommentare

  1. Peter M.

    Also die sogenannte »breit laufenden Käseschrift« wird doch nur im Logo verwendet. Der »Large sample text« auf der Website zeigt einen leichten Schnitt.

  2. thomas | BFA

    das ist das zweite mal, das ich heute über eine agentur stolpere, die ausser text keine referenzen zu bieten hat. DAS ist nicht vertrauenswürdig. vielleicht könnte man diese idee hier etwas ernster nehmen, wenn man den absender ernster nehmen könnte.

    peter: ich denke nicht, das das ein light ist. das ist regular. ich wäre mal gespannt wie sie das bei einer hairline-variante vorstellen.

  3. Klaas Kaasletter

    Amüsant trotzdem. Und wenn schon Werbung für eine ‹creative communications agency› (SPRANQ), dann gerne auf diese Weise – mit schmunzelndem Nachdenken über ‹erst denken, dann drucken›. ‹Die Blogosphäre› hat es begierig weiter erzählt…

  4. robertmichael

    thomas, meinst du die seite: http://www.spranq.nl/nl/grafischontwerp/portfolio ? da gibts doch referenzen. referenzen sind eh völlig überschätzt.

  5. Nadine

    Ich find sie vor allem auch nicht schön…

  6. thomas | BFA

    rm: stimmt. was das portfolio angeht. zweiteres. das sagst du. ;-)

  7. Jan

    So gings mir auch, als ich den Mumpitz heute gelesen habe. Dazu kommt noch dieses wirre Problem: Warum sollten wir uns mit derlei unsinnigen Hacks abmühen, um der schlechten Technologie unter die Arme zu greifen?

    Das erinnert mich an Unterstützung des IE 6 (bzw. allgemein); lehne ich damit ab.

  8. Philipp

    Was is eurer Meinung nach eine economische/ökologische Schrift? Ich habe vor einiger Zeit ein paar Schriften im Papierverbrauch verglichen. Unter anderem auch den Evergreen Font (http://www.printgreener.com/evergreen.html). Dazu habe ich Leute nach der Lesbarkeit gefragt.
    Unter anderem schien die ganz normale Times immer noch eine super Schrift zu sein. Kann bei guter Lesbarkeit kleiner gesetzt werden als viele andere Condensed-Schnitte und nutzt somit auch ziemlich wenig Platz.

  9. Till Westermayer

    Mein Laserdrucker nennt das “draft mode” — nur Outlines der Schriften drucken, und den Rest diffus grau füllen.

  10. Simon Wehr

    Äh – Das ist doch ironisch gemeint!
    Das ist doch die selbe Nummer, wie die Werbung auf den Geldscheinen.

  11. Yanone

    Woran die Gestalter natürlich auch nicht gedacht haben ist, dass die vielen zusätzlichen Knotenpunkte der Löcher in der Outline der Buchstaben die Dateigröße um das 11-fache verfetten. Zumindest am Beispiel des kleinen e aus untenstehendem Bild und gemessen mit dem glif-Format für Outlines.

    Frechheit.

  12. Daniel Grosch

    Toller Artikel, wäre beinahe auch auf diesen Gag reingefallen. Dank Euch konnte ich zudem einen netten kleinen Artikel, in dem Ihr selbstverständlich verlinkt seit, verfassen.

  13. Chris

    HiHi, ich hab den Köder fast schon geschluckt gehabt; mit Haken dran; autsch; danke für den Text vom Fach!

  14. Kay

    Dabei war das doch gar keine Meldung zum 1. April gewesen ;)

  15. hef

    Hej, dann bin ich ja auch so ein toller eco-Typ mit ein paar Löchern drin! Und meine alten Jeans sowieso! Wer ein Foto von uns machen will, kann eine Menge Bildpunkte sparen!

  16. The font

    Start visting: http://www.ecofont.com and take a look at the Ecofont Professional section…

    I rest my case.

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