bukowskigutentag 13/12: Nazi-Tenor

Aktuell in Planung: Ein Panini-Album der schönsten »Kann nicht sein!«-Momente zum Sammeln und Einkleben. Ich habe mir dafür bereits das Urheber-, das Leistungsschutz- und das Recht der ersten Nacht bei wem auch immer sichern lassen.

Für das »Kann nicht sein!«-Album hat sich bereits ein Haufen Material angesammelt. Zum Beispiel neulich beim Griechen um die Ecke, als ich mit Karte zahlen wollte, wie ich es dort seit Jahren tue, und die Kellnerin mir plötzlich erklärte: »Kann nicht sein«, dass ich hier schon mal mit Karte gezahlt hätte, weil man Kartenzahlung erst bei Beträgen ab 20 Euro aufwärts akzeptieren würde. Schon immer! (Ich hatte fast Lust, kurz nach Hause zu gehen, meine EC-Kartenbelege bzw. Kontoauszüge der letzten Jahre einzupacken und diese dann gemütlich bei einem Glas Früchtetee mit der Kellnerin am Tresen auf ihren »Kann nicht sein!«-Gehalt zu untersuchen.)

Was ebenfalls nicht sein kann, wusste mir ein Bekannter zu berichten; nämlich dass ihm das sündhaft teure Dessert in einem Restaurant nicht schmecken wollte. »Kann nicht sein!«, dass es nicht schmeckt, meinte der Kellner, weil dieses Dessert aus ganz erlesenen und frischen Zutaten zubereitet wurde.

Erstaunlich, was alles nicht sein kann dieser Tage, wenn der Tag lang ist. Übrigens nicht nur in der Gastronomie, sondern auch auf bundesministerialer Ebene – letzteres leider fast unbemerkt von der Öffentlichkeit aus dem einfachen Grund, dass die Piraten gerade (Achtung, jetzt bloß alle möglichen nautischen Metaphern umschiffen!) die mediale Bühne geentert haben (Mist, Treffer versenkt … och nö, schon wieder!). In Vuvuzela-Lautstärke hupt uns ressort- wie niveauübergreifend ein einziger Nazi-Alarm aus den Medien entgegen. Wohl nicht ganz zu Unrecht, da die Piraten die passenden Steilvorlagen für mediale Amokläufe gerade in Serie liefern. Ich hoffe nur, das legt sich bald wieder, denn leider säuft bei dieser Nazi-Welle mein Lieblingsmotiv fürs Panini-Album völlig unter die Wahrnehmungsschwelle ab: das »Kann nicht sein!« des Bundesinnenministeriums.

Nicht sein konnte nämlich kürzlich, dass das Ministerium eine Muslim-Studie vor Veröffentlichung exklusiv dem Boulevard zugespielt hat; und zwar niemand Geringerem als der BILD-Zeitung. Dass besagte BILD-Zeitung dieses Futter entsprechend verwertet und gemäß eigener »Interpretation« aus der Studie, also jetzt »Schock-Studie«, volksverhetzende und fremdenfeindliche Schlagzeilen zieht, kann nicht nur sein, sondern folgt sogar der Natur der antihumanistischen Vereinszeitung. Dieser Vorgang, über den zum Beispiel hier bei sueddeutsche.de nachzulesen ist, dieser im wahrsten doppelten Wortsinn unerhörte Vorfall scheint mir persönlich viel mehr ein »Nazi«-Etikett wert als irgendwelche vereinzelt querschießenden Piraten. Das Bundesinnenministerium hat hier erstens einen aktiven Beitrag zu Desintegration und Fremdenfeindlichkeit geleistet sowie zweitens auch noch einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, also dem Springer-Verlag, einen geldwerten, geschäftlichen Vorteil verschafft. Wenn man mit dem Begriff um sich werfen will, wie das gerade Mode ist, würde ist sagen: mehr Nazi geht fast gar nicht!

Trotzdem werde ich mich hüten, unseren Bundesinnenminister jetzt etwa mit Hitler zu vergleichen. Womöglich würde man mich noch in eine Fernseh-Talk-Show einladen, wo bekanntlich Godwins Gesetz mit aller Härte regiert, dem gemäß mit zunehmender Dauer einer Diskussion die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Nazi-Vergleich fällt.

Stattdessen will ich von einem interessanten, sozio-historischen Experiment berichten, dass wir kürzlich bei Twitter durchgeführt haben. Ausgangspunkt war die bisher so noch nie gestellte Frage, ob es eigentlich schon mal jemand gewagt hat, Hitler mit Hitler zu vergleichen. Das Ergebnis, das der wissenschaftlich-twitternde Mitarbeiter @cmer, beisteuerte, ist verblüffend: »Doch! Und ich war richtig baff, die sehen sich nämlich total ähnlich!« Kann nicht sein, oder?

Michael Bukowski


3 Kommentare

  1. David

    Danke für diese verdammt gute Verlängerung (wenn ich 13/12 richtig deute)… Darf dann gerne noch ins Elfmeterschießen!

  2. Twix Raider

    Bin ja mal gespannt, wann erboste YPS-Fans Christian Kallenberg mit dem GröFaz vergleichen, der Relaunch als Männermagazin kann ja auch nicht sein, das hat mehr Shitstorm-Potential als 1000 & 1 Salafist. Besonderen Unterhaltungswert verspricht das Redesign von Logo und Maskottchen… IT-Girl war Gestern, die Zukunft gehört YPSI(LANTI), dem YPS-Girl im Schulmädchenschottenrock!

  3. Akne

    Tja, verstehe diese Probleme auch nicht. Früher waren es die Juden, heute sind es die Moslems. Weshalb, warum? Weil die Nationalsozialisten der 30er und 40er-Jahre die Juden nicht mochten? Warum mögen unsere Regierungen heute die Muslime nicht? Weil die israelitische Regierung mit deren Lobbyisten weltweit auf Verfolgung der Muslime sind? Und was ist so schlimm an den Muslimen?

    Ich kenne einige von ihnen, und die meisten haben bei uns maturiert. Okay, das mag auch daran lieben, von welchen Leuten man umgeben ist. Aber: Es gibt sie, die ehrgeizigen, klugen und fleißigen Muslime. Und: Ich mag sie! Lieber als manche Einheimische.

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